Manfred Ach
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Haiku


Leuchtendes Staubkorn!
Ein Raumschiff geht vor Anker
auf meinem Schreibtisch.




ERSTER SCHNEE

Im bunten Lärm kommt
auf Zehenspitzen der Tod.
Eleganz in Weiß.




ALLES EINS

Skizzen aus Zaunholz,
sonst nur Himmel. Die Winter
gelingen wieder.




WINTER, VIVALDI

Ein Himmel voller
Schneegeigen. Der graue Schmelz
langsamer Sätze.




ZUGEFRORENER SEE

Nachmittagskonzert:
Zum Gesang der Eisstöcke
kratzende Läufe.




Tanka

Wer Atemnot kennt,
begreift die Seifenblase.
Da platzt sie dir weg,
die kleine schillernde Welt,
die Haut um alles und nichts.



AUFBRUCH

Schnür das Bündel Welt.
In deinen Taschen führ mit
die Reste an Zeit.
Spring auf den Zug, der nie hält,
das Transitvisum dein Ohr.



ENDE DER VORSTELLUNG

Frau Welt schminkt sich ab
und hinter den Kulissen
feiern die Schieber.
Im Souffleurkasten hockt der
Tod und schneidet Grimassen.



Jahreszeiten-Tanka
(Januar bis April)


Den Kopf aufgeklappt,
ein Januarschmetterling.
Schon kommen Jäger,
und du musst höher fliegen.
Spaltungsmagie, jahreinwärts.



Ein grüner Bildschirm
im Februar. Was ist an
Wirklichkeit noch da?
Laue Luft weht durchs offne
Fenster. Uns blüht nichts Gutes.



Ein März voller Most.
Saatkrähen, alte Zocker.
Die Sonne blinzelt
und krault deinen Kater wach.
Die Luft backt dir ein Nockerl.



Ein Vogelherz rast
in prickelnder Aprilluft.
Dein Lachen, Liebste:
wie ein Champagnerkorken
eröffnet es den Frühling.



(Mai bis August)

Der Maikönig tritt
lichtgefiedert aus dem Wald.
Der Tag springt auf. Sein
Haar hüpft im Takt der Schritte
auf der Straße Flieginsland.


Juni, tausendschön.
Die aufgeschlitzten Bäuche
deiner Traumbücher
beunruhigen nicht mehr.
Narkotisches blaues Tuch.


Hundstage. Du schleppst
dich durch die Drinks. Den Abend
erlebst du nicht mehr.
O Hundsstern! Der Morgen ist
ein Master of Desaster.


Der Tod im Juli
winkt mit der schäumenden Pracht
der Blumen. Sein Schweiß
weht dich von den Gärten an,
balsamisches Opiat.


Vor dem Gewitter,
bevor der erste Tropfen
fällt. Vor dem weißen
Blatt Papier. Komm, leg ab das
feine Zeug. Geh nackt hinaus.


Nach dem Gewitter
liegst du im dampfenden Kraut,
vom Goldregen der
Vogelstimmen erblindet,
das kochende Blut im Hals.


Die Überdosis
August. Mit flimmerndem Puls
siehst du im Weizen
eines toxischen Mittags,
überbelichtet, den Tod.



(September bis Dezember)

Kartoffelfeuer.
An deinem Rauch entzündet
sich dieses Gedicht.
Ich riech es in den Kleidern,
meinen Flügeln für morgen.


Gewänderreicher
Oktober. Und abends lockt
Frau Lunas schmale
Sichel: sweet little nothing
für süchtige Nachtschwärmer.


Den Novemberdocht
mit befeuchteten Fingern
behutsam gelöscht.
Die Seite umgeblättert.
Ein Schimmer in der Schwärze.


Die Strömung vereist.
Der Himmel rückt näher. Weit
und weiß blüht das Land.
Die Augen groß und dunkel.
Späte weiße Taube Schnee.


In Winternebeln
wieder blankgeputzt das Stück
Erinnerung an
alle Ungeschützten und
den letzten aller Menschen.



* * *


LEBENS LINIE

Nicht
das Aufdröseln
einer Schnur,
sondern
das Verwinden
von Fäden
aufs Ende
zu und vom
Ende her.



DAS ENDE DER BILDER

Warte,
bis das große bunte Auge zu ist
und das Licht an in deinem Saal,

Lichternarr.

Hinter der Pforte,
wo die Traumminute wächst,
nimm die Bilder von der Wand,

denn dahinter nisten Vögel.

Folg
ihrem Flug, ungerichtet,
der Herzensgerade.


Copyright by Manfred Ach


GastautorInnen bei "wortgetreu"